Samstag, 4. Februar 2012

Deutschland und seine Atomkraft–Teil 2: Die Irrtümer

Wie schon im vorherigen Artikel erwähnt, ist das Unwissen beim Thema Kernenergie hoch. Unwissen hat zwangsläufig Irrtümer zur Folge. Diesen Irrtümern will ich mich an dieser Stelle widmen.

Irrtum Nr. 1: Atomstrom ist billig.
 
Diese Frage läßt sich so ohne weiteres gar nicht beantworten. Es hängt nämlich immer davon ab, wie man rechnet. Eine Studie der Uni Stuttgart kommt z. B. zu folgendem Ergebnis: Eine kWh Strom würde bei Kernenergie 3,5 Cent kosten. Zum Vergleich: Braunkohle kommt auf 2,9 Cent/kWh, Steinkohle auf 3,3 Cent/kWh, Erdgas 4,2 Cent/kWh. Erneuerbare Energieträger haben schwankende Kosten. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Wind weht nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit, und die Sonne kann von Wolken verdeckt werden. Hier kommt man, laut dieser Studie, zu folgenden Kosten: Wind an Land 9,6-14,4 Cent/kWh, Solaranlage auf dem Dach 62 Cent/kWh, Wasser 10,2 Cent/kWh.

Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology kommt in der Aktualisierung von 2009 für Kernenergie hingegen zu einem Preis von 5,8 Cent/kWh.

Der Haken an solchen Studien ist immer: Welche Kosten werden bei den Berechnungen berücksichtigt? Beide Studien blenden z. B. die staatlichen Subventionen aus. Auch werden für Rohstoffpreise die Preise eines bestimmten Jahres angenommen. Änderungen der Rohstoffpreise wirken sich natürlich auch auf Stromgestehungskosten aus.

Die Atomindustrie wurde in der Zeit von 1950-2008 mit einer Summe von 164,7 Mrd. Euro subventioniert. Dabei handelt es sich sowohl um indirekte Subventionen, wie Steuervergünstigungen, als auch im direkte Subventionen, wie z. B. Gelder für den Bau von KKWs oder die Förderung der Forschung. Damit wurde eine Kilowattstunden Atomstrom mit ca. 4 Cent gefördert. Würde man dies nun auf den Preis draufrechnen, den die Uni Stuttgart ermittelt hat, so müßte eine kWh Atomstrom folgerichtig 7,5 Cent kosten. Schon allein dadurch kann von billigem Atomstrom keine Rede mehr sein. Hinzu kommt, daß die Kosten für Lagerstätten der Abfälle weiterhin vom Staat, also letztlich von Steuermitteln der Bürger, getragen werden.

Diese weiterhin anhaltende öffentliche Förderung von Atomstrom ist einer der beiden Gründe für die niedrigen Kosten. Ein weiterer Grund, der gerne aus den Augen verloren geht, ist die Tatsache, daß KKWs nur unzureichend versichert sind.

Das Bundesamt für Zivilschutz in der Schweiz z. B. hat errechnet, daß ein Gau in einem der schweizer KKWs einen Schaden in Höhe von rund 2,6 Bill. Euro zur Folge hätte. Als internationaler Standard gilt jedoch eine Versicherungssumme von 1,4 Mrd. Euro. Das würde bedeuten, daß ein KKW-Betreiber für lediglich 0,05 % des Schadens haften würde. Für die restlichen 99,95 % haftet der Staat. Die gleiche Berechnung des des Schweizer Bundesamtes für Zivilschutzes kommt ebenfalls zu dem Schluß, daß eine Erhöhung des Versicherungssumme auf umgerechnet 312 Mrd. Euro eine Steigerung der Kosten von 3,1-6,3 Cent/kWh zur Folge hätte. Damit lägen wir am Ende bei Kosten von 10,6-13,8 Cent/kWh. Damit ist Atomstrom das Gegenteil von billig und nicht mehr konkurrenzfähig.

Irrtum Nr. 2: Atomstrom ist sauber.
 
Tatsache ist, ein KKW emittiert kein CO2. Ob Atomstrom sauber, also umweltfreundlich ist, was ja die meisten unter dem Begriff "sauber" in diesem Zusammenhang verstehen, läßt sich bejahen, wenn man lediglich das KKW selbst betrachtet.

Läßt man den Blick nun jedoch weiter schweifen, entstehen an der Sauberkeit des Atomstroms Zweifel. Was die Leute, die diese Behauptung aufstellen, gerne außer Acht lassen, ist der Müll, der auch in einem KKW anfällt. Hier handelt es um radioaktive Abfälle, die in stillgelegten Bergwerken verwahrt werden. Das Müll, welcher Art auch immer, sauber sein soll, ist ein Irrtum, den schon ein kleines Kind von seinen Eltern lernt.

Die Gesamtmenge an radioaktivem Abfall, die weltweit anfällt, beläuft sich auf ca. 12 000 Tonnen pro Jahr.

Irrtum Nr. 3: Endlager
 
Der Begriff "Endlager" ist ein Irrtum in sich.

In einem sog. "Endlager" soll der atomare Müll dauerhaft eingelagert werden. Das Problem dabei ist, der radioaktive Abfall, der in einem KKW anfällt, besteht zum größten Teil aus Plutonium. Dieses Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24 110 Jahren.

Nun lernt ein Schüler während des Erdkunde-Unterrichtes, daß die Erde ständigen Änderungen unterliegt. Neue Höhlen entstehen, bestehende verschwinden, Flüsse ändern ihren Verlauf, etc. Man kann daher davon ausgehen, daß einem selbst ein Schüler in der 8. Klasse sagen kann, daß es so etwas wie ein "Endlager" gar nicht geben kann.

Irrtum Nr. 4: In der Nähe von KKWs kommt es zu höheren Krebsfällen
 
Über die Frage erhöhter Krebserkrankungen bei Kindern wird schon lange diskutiert. Leider gibt es bis heute keine Studie, die eindeutig Auskunft geben könnte. Die Wissenschaftler sind in diesem Fall selbst nicht einig.

2007 wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz eine Studie veröffentlicht, an der Kritiker und Befürworter der Kernenergie gleichermaßen mitwirkten. Untersucht wurde dabei vor allem Krümmel. Dabei wurden im Deutschen Krebsregister sämtliche Krebserkrankungen von Kindern unter 5 Jahren für die Zeit von 1980-2003 in Augenschein genommen. Dabei wurden 1 592 krebserkrankte und 4 735 gesunde Kinder untersucht, die zur gleichen Zeit in der gleichen Gegend aufgewachsen sind.
In dieser Zeit erkrankten 16 Kinder an Leukämie, die in der Nähe des KKWs Krümmel aufgewachsen sind. Das Problem ist, daß ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Leukämieerkrankungen nicht hergestellt werden konnte. Es gibt nämlich auch in Regionen überdurchschnittlich viele Leukämieerkrankungen, die weit von einem KKW entfernt sind, z. B. Elmshorn.

Ich will an dieser Stelle einmal die Leiterin der Studie, Maria Blettner, Leiterin des Instituts für Biometrie an der Uni Mainz zitieren: "Nach allem, was wir aus der Strahlenbiologie wissen, können die Leukämien nicht durch die Strahlenbelastung durch Kernkraftwerke ausgelöst worden sein. Das ist nicht plausibel. Die Strahlung aus kerntechnischen Anlagen ist um das 1000- bis 100.000-Fache geringer als die natürliche Strahlung, der wir ausgesetzt sind. Und sie ist viel kleiner als die Belastung durch Röntgen oder etwa beim Fliegen.“

Irrtum Nr. 5: Kernkraft ist gefährlich.
 
Ob Kernkraft gefährlich ist, ist eine Frage der Auslegung. Geht man von der schlimmsten Gefährlichkeit aus, also von der Zahl an Todesopfern, die etwas fordert, so ist z. B. im Tierreich die Biene gefährlicher als der Weiße Hai.

Wenn man nun auch bei fossilen Energieträgern die Anzahl der Todesopfer als Maßstab für deren Gefährlichkeit nimmt, so ist Kohle mit Abstand gefährlicher als Kernkraft. Nach offiziellen Zahlen verloren im Jahre 2005 in chinesischen Kohlegruben 6 000 Kumpel ihr Leben.

Irrtum Nr. 6: Unklare Langzeitfolgen
 
Das die Langzeitfolgen von Kernkraft oder atomarer Strahlung unklar sein sollen ist schlicht und einfach falsch. Es gibt seit 1950 eine Langzeituntersuchung, die gemeinsam von Amerikanern und Japanern durchgeführt wird. Der Gegenstand dieser Untersuchung sind die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, die seitdem akribisch überwacht werden.

Durch die Atombomben starben in Hiroshima rund 140 000, in Nagasaki rund 70 000 Menschen. Von den rund 120 000 Überlebenden, die zu weit vom Explosionszentrum entfernt fahren, starben bislang nur rund 800 an den Spätfolgen der Verstrahlung. Das ist weniger als ursprünglich angenommen.

Irrtum Nr. 7: Radioaktivität (Strahlung)
 
Dazu muß man erst einmal wissen, was Radioaktivität ist.

Radioaktivität ist nichts anderes als die Eigenschaft von Atomen in andere Atome zu zerfallen. Bei diesem Zerfall geben sie Energie ab. Da fast alle Atome zerfallen, ist fast jeder Körper von Natur aus radioaktiv.

Die Maßeinheit für die Aktivität eines radioaktiven Stoffes ist Becquerel (Bq). Diese Einheit gibt an, wieviele Atome durchschnittlich in einen radioaktiven Stoff innerhalb einer Sekunde zerfallen. Im menschlichen Körper sind dies rund 30 Mio. Das entspricht 9 000 Bq.

Nun muß man wissen, was Strahlenbelastung ist.

Strahlenbelastung ist nichts anderes als die Einwirkung von Strahlung auf Tiere, Pflanzen etc.
Die Strahlendosis, von der meistens die Rede ist, wenn man von der Belastung durch Radioaktivität spricht, mißt man in Sievert (Sv). Diese Einheit trägt dem Umstand Rechnung, daß verschiedene Organe unterschiedlich stark auf Strahlung reagieren. Deshalb taucht diese Einheit immer auf, wenn von Strahlenrisiken die Rede ist. Und die Effektive Dosis, ist jene, ab der Schäden an organischem Gewebe verursacht werden bzw. ab der eine Wirkung erzielt wird. Und die Effektive Dosis ist jene, die man seine Aufmerksamkeit richten sollte.

Nach der deutschen Strahlenschutzverordnung gilt für die allgemeine Bevölkerung ein Grenzwert von 1 mSv pro Jahr. Zum Vergleich: Wird eine Computertomographie des Bauchraumes erstellt, ist man einer Dosis von 10-25 mSv ausgesetzt. In der normalen Reisehöhe eines Flugzeuges vom 10 km ist man einer Dosis von ca. 40 mSv ausgesetzt. Die natürliche Strahlenbelastung, der man in Deutschland ausgesetzt ist, ist von der Region abhängig und schwankt zwischen 1 mSv und 5 mSv pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon wird von Radon verursacht.

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