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Montag, 22. Juni 2009

Bildungsstreik, der xte Teil

Es war einmal wieder soweit: Schüler und Studenten sind auf die Straßen gegangen und haben für bessere Bedingungen an Schulen und Universitäten demonstriert. Schon wieder! Sie haben mit Demonstrationen und Aktionen des "zivilen Ungehorsams" ihrem Frust und ihren Forderungen nach einer Verbesserung des Bildungssystems Ausdruck verliehen. Die Aktionen der Schüler und Studenten wurde von vielen Seiten unterstützt. Dazu gehörte unter anderen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Studentenwerk und einige Politiker. Wenig Verständnis kam jedoch von Anette Schavan, der Bundesministerin für Bildung und Forschung!

Am Mittwoch fanden Proteste in über 70 Städten statt. Rund 240 000 Schüler und Studenten waren auf den Straßen. Logistisch machbar, war dies durch die Nutzung des Internets. Über Facebook, StudiVZ und Twitter hat man Informationen ausgetaucht und alles Koordiniert. Lediglich die Organisation und Ausgestaltung des Streiks übernahmen die Gruppen vor Ort.

Da Schüler und Studenten gemeinsam protestierten, die Forderungen sich jedoch nicht so ein weiteres vermischen lassen, betrachten wir beide Gruppe getrennt.

Was forderten die Schüler?
  1. Eine Schule für Alle – Weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem
  2. Kostenlose Bildung für Alle
  3. Mehr Lehrer_innen, kleinere Klassen
  4. Beendet den Einfluss der Wirtschaft auf die Schulen!
  5. Gegen Schulzeitverkürzung wie dem G8-Abitur!
  6. Schluss mit Repressionen gegen Schüler und Schülerinnen
  7. Für eine Demokratisierung des Bildungssystems!
Die Abschaffung eines mehrgliedrigen Schulsystems für eine Schulform für alle schaffen. Einer der Punkte, der in bislang allen Studien zu Bildungssystemen, seien sie nun von der OECD, der EU oder Institutionen in Deutschland selbst, ist die mangelnde Durchlässigkeit des Systems. Wir haben ein dreigliedriges System, daß zugespitzt des Arbeitsverhältnissen in Deutschland entspricht:

Hauptschulen für Kinder von Arbeitern
Realschulen für Kinder von Angestellten
Gymnasien für Kindern von Akademikern

Welche der drei Schulformen das Kind am Ende besucht hängt vom Einkommen der Eltern ab. Das man an Hauptschulen vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien findet wundert daher niemanden. Doch ungeachtet der Begabung des Kindes, ist in unserem System fast unmöglich, daß ein Kind aus einer solchen Familie auf ein Gymnasium geht. Der Umstand, daß das Einkommen der Eltern über die Bildungschancen des Kindes entscheidet wird seit dem ersten Pisa Test offen kritisiert. Geändert hat sich jedoch nichts.

Die Forderung nach kostenloser für Alle bedeutet nichts anderes als kostenfreie Lernmittel. Je nachdem wie weit dieses "kostenlos" reicht, kann man sogar Hefte, Ordner, Taschen, etc. etc. etc. zu dieser Forderung hinzufügen. Das Lernmittel kostenfrei sein sollen, mag niemand bezweifeln, allerdings muß man sich darüber klar sein, daß die Schulen ihren Buchbestand nicht in dem Maße aktuell halten können, wie die Schüler es gerne hätten. Nicht selten hat man ein 10-15 Jahre altes Buch in der Hand, daß eigentlich nur noch eine Loseblattsammlung ist und eigentlich auf den Müll gehört.

Mehr Lehrer einzustellen und Klassenstärke zu verringern ist ebenfalls eine sehr alte Forderung. Die beiden Punkte begünstigen sich selbst. Kleinere Klassen bedeutet mehr Klassen. Mehr Klassen bedeutet mehr Lehrer. Das man in einer kleinen Gruppe besser lernen kann als in einer großen kann jeder bestätigen. Daher ist diese Forderung mehr als legitim.

G8-Abitur bedeutet, daß man das Abitur in Klasse 12 und nicht mehr in der 13. Klasse macht. G8 ist im Kern nicht falsch. Doch wenn ich den Schülern ein Jahr zum Lernen wegnehme, muß ich auch den Unterrichtsstoff anpassen. Diese Anpassung hat es bislang jedoch nicht gegeben. Das die Schüler daher wegen des Leistungsdrucks, der durch G8 entsteht, an Erschöpfung leiden sollte daher niemanden wundern. Hier muß dringend nachgebessert werden.

Repressionen können viele Ausdrucksformen haben. Wenn damit die sogenannte "Ehrenrunde" gemeintist, dann ist die Forderung mehr als berechtigt. Es gibt von NRW eine Untersuchung, die sich mit dieser "Ehrenrunde" beschäftigt. Dabei kam heraus, daß es de facto nichts bringt einen Schüler eine Jahrgangsstufe wiederholen zu lassen. Rund 80 % schaffen es auch im zweiten Anlauf nicht. Das Land NRW setzt durch diese "Ehrenrunde" jedes Jahr rund eine halbe Million Euro in den Sand. Abgeschafft wurde sie aber dennoch nicht, obwohl es dringend geboten wäre. Während unsere Eltern diese "Ehrenrunde", von denen übrigens auch dieser Begriff stammt, noch recht locker nehmen konnten, ist sie in unserer heutigen Leistungsgesellschaft für den Schüler eine Katastrophe. Die Bezeichnung "Ehrenrunde" ist heute auch überaus euphemistisch. Denn es liegt keine Ehre darin, einem Schüler unentwegt das eigene Versagen vor Augen zu führen. Ohnehin muß man sich hier die Frage stellen, wer eigentlich versagt hat: der Schüler oder das System?

Demokratisierung meint nichts anderes, als das Schüler in die Entscheidungsprozeße an den Schulen miteinbezogen werden. Das setzt allerdings voraus, daß Schüler ein den Lehrern gleichwertiges Stimmrecht haben. Wir haben an unseren Schulen zwar Schülervertreten, deren Gestaltungsmöglichkeiten sind jedoch sehr gering. Das fängt im kleinen Rahmen schon an. Beispiel: In meiner Klasse hatten wir des öfteren den Fall, daß eine Mathematikarbeit im Gesamtdurchschnitt bei 4 (manchmal sogar schlechter). Es gab dann stets eine Konferenz mit den Klassensprechern (wir hatten zwei) und den Mathematiklehrern an unserer Schule. Es ging dabei um eine Wiederholung der jeweiligen Arbeit. Die Lehrer entschieden immer gegen uns und für ihren Kollegen. Eine Arbeit wurde nie wiederholt, obgleich es in einigen mehr als angebracht gewesen wäre.

Was forderten die Studenten?

Soziale Öffnung der Hochschulen
  • den Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen!
  • die Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung!
  • die finanzielle Unabhängigkeit der Studierenden – ohne Kredite!
  • die Abschaffung jeglicher Diskriminierung, auch in ihrer institutionalisierten Form gegenüber ausländischen Studierenden!

Abschaffung von Bachelor/Master in der derzeitigen Form
  • die Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss!
  • das Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung!
  • die Möglichkeit individueller Schwerpunktsetzung im Studium!
  • die tatsächliche Umsetzung der Mobilität zwischen den Hochschulen!

Demokratisierung des Bildungssystems
  • den Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich!
  • die Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem, u.a. durch Viertelparität in den Hochschulgremien!
  • die Einführung verfasster Studierendenschaften mit politischem Mandat in allen Bundesländern!

Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen
  • die Umsetzung freier alternativer Bildungskonzepte!
  • die Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Bildungsbereich!
  • die Aufstockung des Lehrpersonals auf ein pädagogisch tragbares Niveau! Dazu sind in den nächsten drei Jahren mindestens 8.000 Professuren, 4.000 Mittelbaustellen und 10.000 Tutor_innenstellen neu zu schaffen!
  • die Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung!
  • die Einheit von Forschung und Lehre statt der Exzellenzinitiative!

Eine soziale Öffnung, heißt also das Ermöglichen des Studiums für alle Abiturienten ungeachtet der sozialen Herkunft ist keine neue Forderung. Sie hat jedoch durch die Einführung der Studiengebühren neue Brisanz gewonnen. Die soziale Auslese, die bereits in den Schulen beginnt, wird dadurch fortgesetzt. Auch muß man sich fragen, welchen der Sinn der Numerus clausus macht. Der NC, der von Unis festgelegt wird, ist der Abidurchschnitt des "schlechtesten" Bewerbers, der für ein bestimmtes Fach noch zugelassen wurde. Wer ein das Abitur erwirbt, erhält in der Regel eine Gesamtnote, welche die erbrachten Leistungen zusammenfasst (Bsp.: „2,3“). Diese Durchschnittsnote ist auf dem Zeugnis ausgewiesen. Damit können nun aber, je nach Berechnungsmethode, sie sich von Land zu Land unterscheiden kann, Fächer in diesen NC einfließen, die für das Studienfach völlig unerheblich sind.

Mit Bachelor und Master ist es wie der G8 an den Schulen. An an sich gute Idee, wurde völlig schlampig umgesetzt. Wenn ich einen Studiengang, der ehemals 4 Jahre in Anspruch nahm, nun auf 3 Jahre komprimiere, muß ich den Stoff anpassen, damit die Studenten ihr Studium noch erfolgreich absolvieren können.

Das Studenten bei Dingen mitreden wollen, die sie direkt betreffen ist nur allzu verständlich. Dazu müßte jedoch die hierarchische Struktur an den deutschen Unis, verändert werden.

Die Forderung nach der Lern- und Lehrbedingungen deckt sich mit der Forderung der Schüler nach mehr Lehrern und kleineren Klassen.

Viele dieser Forderungen kosten Geld.

Aber mangelt es wirklich am Geld?

In Hessen beträgt das Budget für Hochschulen 2009 1,41 Mrd. Euro. Das Land Berlin läßt seinen Hochschulen rund 1,5 Mrd. Euro zukommen. An die Schulen fließen in Berlin rund 2,5 Mrd. Euro. Anfang Juni haben Bund und Länder einen "Bildungspakt" beschlossen. Darin haben sich Bund und Länder geeinigt bis 2019 18 Mrd. Euro zusätzlich für Bildung und Forschung auszugeben. Auf den Bund entfallen dabei 11,8 Mrd. Euro.

Worum geht in diesem Bildungspakt?

Kernstück dieses Paktes ist der Hochschulpakt II. Mit ihm sollen von 2011 bis 2015 im Vergleich zu 2005 275 420 zusätzliche Studienanfänger finanziert werden. Für jeden Studienanfänger sollen vier Jahre land ingesamt 26.000 € zur Verfügung stehen. Das sind 4.000 € mehr als im Hochschulpakt I.

Hier muß man allerdings sagen, daß den Ländern gar nichts anderes übrig bleibt. Durch die Verkürzung des Schulzeit, also G8, wird es in den Jahren 2013-15 rund 275 000 zusätzlich geben. Dafür braucht man zusätzliche Studienplätze.

Die bereits gestartete Exzellensinitiative soll gefortgesetzt werden. Der Bund will weiterhin 75 % tragen, die Länder 25 %. Das Budget für diese Initiative soll bis 2017 von 1,9 Mrd. auf 2,7 Mrd. Euro aufgestockt werden. Es gibt dazu drei Förderlinien: Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunstkonzepte.

Der dritte Teil ist der Prakt für Forschungs und Innovation. Dieses Pakt gibt es auch schon. Man hat nur vereinbart ihn fortzusetzen. Er besagt, daß Forschungsinstitute wie die Max-Planck-Gesellschaft oder das Fraunhofer-Institut eine jährliche Steigerung von 5 % ihrer staatlichen Zuschüße erwarten dürfen. Man beachte: Es wurde ihnen in Aussicht gestellt.

Dieser Bildungspakt hat einen großen Haken: Er steht unter Parlamentsvorbehalt. Das bedeutet, das ein neu gewähltes Parlament diesen Beschluß wieder zu Fall bringen kann. Merkel sagte dazu folgendes: "Ich möchte die Abgeordneten sehen, die sich über einen solchen Beschluss hinwegsetzen."

Das Problem ist also nicht ein Mangel an Geld. Geld ist eigentlich genug vorhanden. Das eigentliche Problem ist, daß von diesem Geld bei den Studenten am Ende nichts ankommt. Die Gelder werden oftmals in große Projekte, medienwirksame Projekte investiert, von denen jedoch nur eine kleine Zahl von Studenten profitiert, wenn überhaupt. Die Exzellenzinitiative gehört hier hin.

Fazit:
Als ich zur Schule ging, sind wir auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Wir forderten kleinere Klassen, mehr Lehrer, bessere Ausstattung der Schulen, weniger Unterrichtsausfall, mehr Geld für die Schulen. Die Schüler, die letzte Woche protestiert haben, fordeten im wesentlichen das gleiche. Unser Protest ist nun 15 Jahre her. Wenn Schüler nach 15 Jahren im Kern noch immer die gleichen Forderungen haben, dann zeigt das, daß sich in diesen 15 Jahren nichts getan hat. Wenn sich in den letzten 15 Jahren nichts getan hat, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, daß sich in den nächsten 15 Jahren etwas bewegt? Es gibt mittlerweile ein halbes Dutzend Studien, die das deutsche Schulsystem mit mangelhaft bewerten. Die Politik hat diese Studien zwar zur Kenntnis genommen, aber darauf reagiert hat man nicht. Hätten sie das nämlich getan, hätten wir heute nur noch eine Schulform, es wäre eine Ganztagsschule, die Klassenstärke läge bei einem Maximum von 20 Schülern, es wäre eine eingeschlechtliche Schule.

An den Hochschulen sieht es nicht besser aus. Die Fehler im Schulsystem werden hier fortgesetzt. Prof. Martin Paul sagte in einem Interview mit der ARD: "In anderen Ländern ist die Organisation von Universitäten und der Lehre moderner als in Deutschland." Zu allen Zeiten hört man Politikern aller Parteien Bildung sei das höchste Gut, es sei der wichtigste Rohstoff Deutschlands. Aber den eigentlichen Kern des Problem, das System selbst, bleibt unangetastet. Statt dessen setzt man einen EU-Beschluß von 1999 (die Bologna-Erklärung) schlampig um und hofft, damit seien alle Probleme gelöst.

Wenn es um Bildung geht, geben unsere Politiker ohnehin ein Trauerbild ab. Statt Argumenten offen gegenüber zu stehen, setzen sie sich in ihre Gräben und schießen auf jeden, der anderer Meinung ist. Sie sind unfähig, über den Rand dieses Grabens hinauszuschauen. Projekte werden nur dann umgesetzt, wenn sie medienwirksam sind und sich politisch gut verkaufen lassen. Auch ist man unwillig oder unfähig sich mit den System in anderen Ländern auseinanderzusetzen und auch in Deutschland einzusetzen. In den Niederlanden erhalten Unis Prämien für jeden Studenten, der sein Studium gut abschließt. Wenn man einen solchen Vorschlag einem deutschen Politiker unterbreitet, erhält man von ihm den Spruch: "Das kann man auf Deutschland nicht übertragen!" Dieser Satz ist eine Universalausrede eines Politiker um nichts tun zu müssen. Wirtschaftlich betrachtet ist damit ein deutscher Politiker der wohl unflexibelste und inkompetenste Angestellte Deutschlands.

Zu alle dem kommt noch der Föderalismus. Er mag Vorteile haben. Aber in keinem anderen Bereich ist er heute so schädlich, wie in der Bildung. Wenn wir uns nun, wie Schavan es sagt, in einem europäischen Bildungsraum befinden, dann sollte sie auch zur Kenntnis nehmen, daß es in anderen EU-Ländern einen Bildungsföderalismus nicht gibt und er folgerichtig in Deutschland abgeschafft werden müßte.